Rotkäppchen breaking bad

Wie einer zum Bankräuber wird.

Dieses Feature bei SWR2.

„Ich möchte meine Geschichte erzählen. Ich denke, dass andere Menschen von ihr lernen können. Aber ich will nicht auf Räuberpistolen reduziert werden.“

Denn seine Geschichte ist mehr als eine Robin-Hood-Story. Heinz H. raubte Ende der neunziger Jahre 27 Banken aus, bei der 28. wurde er geschnappt. Die Ermittler nannten ihn „Rotkäppchen“, weil er anfangs immer eine rote Maske trug und stets höflich zu seinen Opfern war. Seine Geschichte bewegte eine ganze Region.

Als die Beamten am 29. April 2000 einen Bankräuber in der Sparkasse Weißwasser dingfest machen, ahnen sie noch nicht, wer ihnen da ins Netz gegangen ist. Ohne Gegenwehr lässt sich der damals 50-Jährige festnehmen. Noch am selben Abend fängt er an zu gestehen. Das Geständnis soll bis zum nächsten Nachmittag dauern. „Ich wollte mein Gewissen erleichtern“, sagt Heinz H. heute. „Ich habe während meines Prozesses erfahren, dass die Ermittler mir nicht einmal annähernd alles hätten nachweisen können. Aber selbst wenn ich das gewusst hätte – ich wollte einfach alles loswerden.“

Wie viel die Ermittler tatsächlich wussten, kann Hans-Günter Braungard sagen. Der Hauptkommissar a.D. war damals Chefermittler und kann sich noch genau an „Rotkäppchen“ erinnern. „Es war der größte Fall meiner Polizeilaufbahn“, sagt der Pensionär heute. Gemeinsam mit dem Staatsanwalt schützten sie Heinz H. nach der Festnahme vor der Presse. „Wir wollten ihm und seiner Familie ersparen, dass sie medial ausgeschlachtet werden. Immerhin war das eine bemerkenswerte Geschichte.“ Hans-Günter Braungard hatte Mitgefühl mit dem Bankräuber.

So wie viele, die die Geschichte von Heinz H. kennen. Selbst betroffene Bankangestellte, erinnert sich Heinz H. heute, haben ihm während der Gerichtsverhandlung alles Gute gewünscht. Menschen, denen er mit dem gestohlenen Geld helfen konnte, luden ihm nach seiner Haft zum Kaffee ein.

Was unterscheidet „Rotkäppchen“ von anderen Kriminellen? Wieso fängt ein Mann mit 50 Jahren an, Banken zu überfallen? Wie schafft er es, bei mehr als zwei Dutzend Banküberfällen nicht erwischt zu werden? Und: Wie geht er heute mit seinen Taten um? Diesen Fragen möchte ich in einem einstündigen Feature nachgehen.

Heinz H. wächst in einfachen Verhältnissen in Sachsen-Anhalt auf. Der sportliche junge Mann wird zunächst Schäfer, bevor er sich bei der Nationalen Volksarmee der DDR verpflichtet. Er wird Berufsoldat und macht bei der Armee vor allem eines: Sport. Er schafft es bis zu den Militärmeisterschaften des Warschauer Vertrages 1974. Heinz H. steigt bis zum Offizier auf und dient der NVA bis zur Wiedervereinigung. Auch danach bleibt er vorerst bei der Bundeswehr. Doch eine Degradierung und „Dienst für den Klassenfeind“ sind seine Sache nicht. Er schmeißt hin und macht sich selbstständig. Heute nennt es Heinz H. „falscher Stolz“. Ja, man kann ihm dieses Verhalten aus heutiger Sicht vorwerfen. Aber es war auch geradlinig. Rückgrad ist Heinz H. schon immer wichtig.

1992 ist er mittlerweile verheiratet und hat zwei Töchter. Für sie möchte er ein besseres Leben. Das und der Traum von den blühenden Landschaften sind für den nun Selbstständigen eine große Motivation. Heinz H. steigt ins Immobiliengeschäft ein. Er vertraut auf westdeutsche Geschäftspartner, die ihm das Blaue vom Himmel erzählen. Nur nach und nach durchschaut er deren unseriösen Methoden. Anfangs zieht er mit, doch schon bald sagt er sich von ihnen los. Doch zu spät: Sein Name steht unter zahlreichen Verträgen, während seine Partner das Geld in ihre eigene Tasche gesteckt haben. Was nun? Soll er, Heinz H., aufgeben und insolvent machen? Wieder packt ihn sein Stolz. Er hat anderen Menschen, teilweise sogar Bekannten und Freunden, versprochen, dass sie ein Haus bekommen.

Doch so sehr er auch rackert, Heinz H. wird der Situation nicht Herr. Die Schulden häufen sich, Vertragspartner fordern Verbindlichkeiten ein. Er braucht Geld, was er nicht hat. Er besitzt nur noch das Haus, welches zum Glück auf seine Frau läuft. „Das bekommen sie nicht“, sagte er sich.

Der Kapitalismus nahm ihm sein Geld, nun will er es von ihm wieder haben. Heinz H. weiß, was er kann. Er ist auch mit Ende vierzig noch sehr fit, regelmäßig läuft er. So fasst er den Beschluss, eine Sparkasse in Neukirch/Lausitz zu überfallen. Er spioniert sie aus, macht sich einen genauen Plan. Eines Tages steht Heinz H. mit einer roten Maske und einer ungeladenen Schreckschusspistole vor der Filiale. Doch er kann es nicht tun, er wird es noch zwei weitere Male nicht können. Beim vierten Anlauf, auf den er sich mit Korn und einer Dose Bier vorbereitet, traut er sich. Er erbeutet über 90.000 DM. So viel, wie nie wieder nachher bei einem einzelnen Banküberfall.

Es folgen zahlreiche weitere Überfälle. Heinz H. verliert im Laufe der Zeit den Überblick, wie viele es sind. Schließlich vergehen selten mehr als zwei Wochen dazwischen. Die Polizei bekommt ihn nie zu fassen, weil Heinz H., mittlerweile in Ermittlerkreisen „Rotkäppchen“ genannt, immer läuft. Es liegen jedes Mal mindestens 20 Kilometer zwischen ihm und seinem Auto, einmal läuft er über 70 Kilometer. Nicht selten entkommt Heinz H. nur knapp der Polizei. Immer leistet ihm seine NVA-Ausbildung gute Dienste – er bedeckt sich mit Laub, während eine Polizeistaffel unweit von ihm vorbei zieht; er schwimmt bei Minusgraden durch einen Fluss, weil die Polizei die Brücken abgesperrt hat; er harrt stundenlang im Morast aus und belauscht Beamte, wie sie vergebens Spürhunde über Funk anfordern.

Doch schließlich wird er in Weißwasser geschnappt. Er beteuert bis heute, seine Frau habe nichts gewusst. In der MDR-Talksendung „Unter uns“ sagt Viola H. später, sie dachte zu dieser Zeit, ihr Mann hätte eine Affäre. Wie hat er so lange dieses Doppelleben durchgehalten? Er war fast schuldenfrei – doch hätte er auch aufhören können, wenn er nicht gestoppt worden wäre? Denn schließlich „war es schon seltsam, wie einfach es oft war“.

Die Zeit danach wird eine schwere für Heinz H.. Er denkt an Selbstmord, versucht aus der Untersuchungshaft zu fliehen, verzweifelt an der Welt – und an seinem Schicksal. Diese Zeit hat er bis heute verdrängt. „Das Gefängnis ist in meiner Erinnerung nicht da. Es war eine Pause von meinem Leben. Es gab ein vorher, es gibt ein nachher. Der Knast war nicht.“

Auch wenn es ihm schwer fällt über viele Geschehnisse von damals zu sprechen, will er reden. Doch er möchte keine Robin-Hood-Geschichte erzählen. Er wird erzählen, wie ein Mensch so weit getrieben werden kann.

Erzählt werden soll, wie Heinz H. zu „Rotkäppchen“ wurde.

Es ist kein Märchen, sondern eine komplizierte Geschichte voller ambivalenter Entscheidungen, Brüche und dem Traum von einem besseren Leben.